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Sail-Kolumne

25.01.2006

Mythos und Realität

Eigentlich war ihre Ankunft schon zur Hanse Sail 2005 geplant. Aber ... Nun kommt die Dschunke wirklich. Die KUBLAI’S KAHN II ist immer noch unterwegs und ihrem Ziel ein gutes Stück näher gekommen.

Die einzige hochseetaugliche Dschunke der Welt hat das Mittelmeer durchquert und die letzte Etappe der Marco-Polo-Tour von Axel Brümmer und Peter Glöckner in Angriff genommen, die Ankunft am ursprünglichen Start, in Venedig.

Wo die KUBLAI’S KAHN II in Europa vor Anker geht, zieht sie Neugierige an. Zu exotisch kommt den meisten vor, was sie sehen. Ein chinesisches Schiff mitten in Europa, eine Dschunke vor der türkischen, griechischen, albanischen, serbischen, kroatischen, italienischen Küste! "So ähnlich muss es Marco Polo ergangen sein", kommentiert Axel Brümmer das ungläubige Interesse vieler Urlauber und Einheimischer, wenn er auf ihre Nachfragen von der Tour der beiden Abenteurer aus dem thüringischen Saalfeld auf den Spuren des Handelsreisenden aus dem Mittelalter berichtet.

Schon als Jungen hatten Axel und Peter die „Beschreibung der Welt“ verschlungen, die Reiseabenteuer des Marco Polo. 17 Jahre musste Marco Polo am Hof des Khans Kublai im Gebiet des heutigen Chinas leben, ehe er wieder nach Europa zurückkehrte, um zum ersten Mittler zwischen den asiatischen und europäischen Kulturen zu werden. Das war vor 750 Jahren. Seine in genuesischer Gefangenschaft diktierten Reiseerlebnisse auf der sagenumwobenen Seidenstraße durch Asien, in China und auf dem Seeweg wurden zu Mythos und Herausforderung für viele Generationen von Abenteurern und Seefahrern.

Auch Axel und Peter kannten das exotisch Fremde. Es hatte sie schon auf ihrer ersten Tour von 1990 bis 1995, der Umrundung der Welt – 80 000 Kilometer durch 58 Länder – auf Fahrrädern, fasziniert. Sie fühlten sich abgestoßen und angezogen zugleich vom schwer zugänglichen Reich der Mitte. Die Seidenstraße, der uralte Handelsweg über das Land vom Mittelmeerraum nach Zentralasien, lockt bis heute.

Und nach einem Jahr gründlicher Vorbereitung starteten Axel und Peter, um den Spuren Marco Polos zu folgen. Einer der wenigen Unterschiede zum historischen Vorbild: Sie reisten nicht mit einer Kamel-Karavane und Pferden sondern mit Fahrrädern, den ihnen vertrautesten Fortbewegungsmitteln.

An Abenteuer jedoch blieben sich der Reisende des Mittelalters und die "Nachfahren" nichts schuldig. Doch das war zu Beginn der Tour im Februar 2001 noch nicht zu ahnen, schließlich war die Reiseroute – anders als vor 750 Jahren – hinlänglich bekannt; weiße Flecken auf der Landkarte gab es nicht.

Dass die aktuelle Politik tourgestaltenden Einfluss nehmen sollte, das konnten Axel und Peter noch nicht ahnen, als sie sich in Venedig mitten im größten Karnevalsrummel 2001 einschifften.

Schon zu Beginn, im Mittelmeer, gab es die erste erzwungene Kurskorrektur. Neureiche Russen wollten lieber die Pyramiden als die Klagemauer sehen und lenkten das Schiff nach Port Said um. Als Axel und Peter schließlich doch in Israel von Bord gingen, eskalierten in Jerusalem die Auseinandersetzungen zwischen Juden und Palästinensern.

Doch davon ließen sich die beiden Fahrradfahrer ebenso wenig abhalten wie von Soldaten im Libanon, die Peter das Gewehr in den Nacken setzten, oder von schiitischen Extremisten, die Axel den Film mit den verbotenen Fotos ihrer blutigen Selbstgeiselung abjagen wollten.

"Immer wieder trafen wir Menschen, die uns weiter halfen", erinnert sich Peter. Eine nette israelische Beamtin, die auf die Vorschriften pfiff, gehörte dazu wie die beiden Irani, die die Abenteurer im Vorbeifahren mit zwei Schachteln Pralinen belohnten, der alte Kirgise, in dessen Jurte Axel und Peter mit Hammelaugen als Festmahl begrüßt wurden, und nicht zu vergessen: die spirituellen Nächte in tibetischen Klöstern. Und auch die beeindruckenden Landschaften wie die steinernen Zeugen anderer Kulturen machten die Seidenstraße zum unvergesslichen Erlebnis.

Angekommen in der verbotenen Stadt Peking, acht Monate nach ihrem Start in Venedig, hielten Axel und Peter Ausschau nach einer Dschunke. Denn für sie waren die Seidenstraße nur Auftakt, Peking nur Etappenziel und Gegenstand einer Dia-Reportage sowie eines Buches. Gleich Marco Polo wollen sie zurück nach Venedig mit einer Dschunke fahren und den Seeweg nachvollziehen.

Sie fanden die letzte hochseetaugliche Dschunke der Welt, überholten sie, tauften sie KUBLAI’S KAHN, setzten die Segel und gingen – kaum gestartet mit ihr im südchinesischen Meer in einem "Jahrhundert-Zyklon" unter. Wie durch ein Wunder überlebt die ganze Crew, aber Dschunke, Ausrüstung, Papiere – alles war weg. Auch der Traum von Marco Polos Spuren?

Das kam für Axel und Peter nicht in Frage! Mit der Aktion "Dschunkentropfen", mit der Freunde, Verwandte und Sponsoren für fünf Euro einen Gutschein für einen späteren Diavortrag erwarben, wurde der Grundstock für die nächste Dschunke gelegt. In Sulawesi bauten einheimische Schiffbauer eine traditionelle Pinisi zur Dschunke KUBLAI’S KAHN ll um. Und nun konnte die Rücktour auf Marco Polos Spuren über den Seeweg doch noch starten!

Sie führte entlang der modernen Wolkenkratzer-Skyline asiatischer Großstädte, durch traumhafte Feriengebiete in Südasien, in idyllische Fischerdörfer und ins Hinterland, wohin Axel und Peter immer wieder Abstecher mit dem Fahrrad unternahmen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Im Golf von Bengalen war die KUBLAI’S KAHN llzum Glück noch weit genug draußen, als der Tsunami dort durchrauschte. Trotzdem erzwang die Riesenwelle eine Pause, denn Axel und Peter organisierten erste Hilfe im Tamilengebiet von Sri Lanka. Der Aufenthalt verzögerte ihre Reise so weit, dass sie im Roten Meer erneut schwerste Stürme erlebten, kaum noch den Suez-Kanal durchqueren konnten, und Alexandria schließlich mit einiger Verspätung erreichten.

Doch auch das Mittelmeer zeigte sich stürmisch. So liegt die KUBLAI’S KAHN ll nun im Winterquartier in Nordkroatien, um sich zu rüsten für den letzten Teil der Marco-Polo-Tour. Am 27. Februar 2006, am Karnevalsmontag, läuft sie in Venedig ein. Von dort geht es um Süd- und Westeuropa herum auf Kurs Heimathafen. Denn Rostock und die Hanse Sail sind das eigentliche Ziel der KUBLAI’S KAHN ll. Axel und Peter freuen sich heute schon auf die ungläubigen Fragen nach einer chinesischen Dschunke, die exotisches Flair in die Ostseehäfen bringt.

Sabine Bujack-Biedermann
Foto: Weltsichten