Sail-Kolumne
Wie wichtig sind Wasserstandsmeldungen?
„Die Wasserstandsmeldungen“ ... Die Ankündigung im Radio war und ist für uns Hörer – es sei denn, wir haben mit der Binnenschifffahrt zu tun – ein Grund zum Wegdrehen oder Weghören. Immerhin haben diese Nachrichten eine Karriere als Metapher gemacht: „Was du mir erzählst, ist so interessant wie eine Wasserstandsmeldung.“

Die EURAWASSER Nord GmbH vermeldet in diesen Tagen eine besondere Wassernachricht. Der Trinkwasserverbrauch während der Hanse Sail der Einwohner Rostocks, ihrer Gäste und von 19 Gemeinden des Landkreises Bad Doberan betrug 37.300 Kubikmeter pro Tag. Das sind 20 Prozent mehr als an normalen Tagen, bedingt durch den hohen Besucherandrang, die Aktivitäten der Restaurants und die hohe Auslastung der Hotels und Pensionen. Eine Zusatzeinnahme durch das maritime Fest, von der EURAWASSER einen Teil, wie mehr als 30 Unternehmen auch, in Form von Sponsormitteln an die Sail zurückgibt.
Das tun nicht alle und viele Unternehmen Rostocks und der Region genießen die Früchte, ohne etwas dafür zu tun. Das alte Lied vom Trittbrettfahren, was im Übrigen auch für die bisherigen Landesregierungen gilt. Also singen wir das alte Klagelied weiter, ohne dass es die Adressaten rührt? Wohl kaum. Die Zeiten ändern sich dramatisch; wir alle spüren es am eigenen Geldbeutel. Und auch bei der Hanse Sail werden die Mittel knapper, weil die städtischen Zuschüsse absolut und relativ abnehmen. Am Gesamtbudget betrug dieser Anteil im Jahre 2000 noch 45 Prozent, heute sind es nur noch ein Drittel. Tendenz weiter fallend. Bei steigenden Kosten.
Wie in vielen anderen deutschen Städten stehen die Rostocker Kommunalpolitiker vor der Frage: Wie und wo kann ich kürzen, um den Schuldenberg abzubauen? Wichtiger ist aber eigentlich die Frage: Wie kürzen wir, ohne unserer eigenen Zukunft das Wasser abzugraben? Wo liegt das Kürzungspotential bei der Hanse Sail? In der Streichung des Seefliegertreffens oder des Samstagsfeuerwerks im Stadthafen oder in der Schließung des Baltic Points? Oder aller drei Bausteine?
Die Attraktivität und die Resultate der Sail werden von Politikern und Unternehmern in höchsten Tönen gelobt. Wenig wahrgenommen wird, wie die Sail entsteht, wie die Ergebnisse, darunter auch der Mehrumsatz von geschätzten 40 Millionen Euro, zustande kommen. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit in der Öffentlichkeit die Tatsache hingenommen wird, dass die Hanse Sail Rostock zwar in der Weltliga der Traditionsseglertreffen mitspielt und hier in einem Atemzug mit New York, Brest, Amsterdam oder Bremerhaven genannt wird und dabei mit einem Fünftel bis zu einem Zehntel der vergleichbaren Etats auskommt.
Möglich wird das unter anderem durch das außerordentliche Engagement vieler Rostocker, die verantwortungsvolle Aufgaben, wie beispielsweise das Seefliegertreffen oder die Organisation des Betreuerteams mit einem Zubrot im Rahmen der Zuverdienstgrenze für Frührentner wahrnehmen oder von Vereinen, die bisher mit kleinen Zuschüssen im drei- oder unteren vierstelligen Euro-Bereich ganze Sail-Bausteine organisiert haben.
Hier gibt es aufgrund der Kürzungen der Zuschüsse immer öfter enttäuschte Gesichter. So droht bei weiteren Kürzungen nicht nur eine gefährliche „(Kaputt-)Sparvariante“ der Hanse Sail, sondern auch das „Vertrocknen“ von Initiativen, die im spargeplagten Deutschland immer wichtiger werden und der die Zukunft gehören: Denken und Handeln in kooperativen Netzwerken oder ein neuer Bürgersinn, der die wachsenden Defizite mit Engagement und Ideenreichtum kompensiert. Als Symbol hierfür steht in Dresden die Frauenkirche ... und in Rostock die Hanse Sail.
„Das interessiert mich eigentlich alles wie eine Wasserstandsmeldung.“ Na, mal sehen, wann wir bei dieser Haltung von (zu) vielen Politikern und Unternehmern mit der Hanse Sail auf dem Trockenen sitzen.
Klaus-Dieter Block

