Sail-Kolumne
Zwischen Schrott-Tod und faszinierender Rauschefahrt – Wie steht es um die Zukunft von Traditionsseglern?
„Ehrt das Alter!“ war und ist in vielen Gesellschaften seit Jahrtausenden ein Verhaltenskodex, der in unserer jugendorientierten postmodernen Welt zeitweise in Vergessenheit geriet, aus demographischen Gründen aber mittlerweile wieder mehr Gewicht bekommt.

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war auch die Schifffahrt von einem unerbittlichen Modernisierungsschub geprägt. Es hieß „Runter mit den Segeln!“ oder „Ab in die Abwrackwerft!“. Vergessen, dass wir mit Segelschiffen die Welt entdeckt haben. Was soll der Jahrtausendreichtum der Segeltechniken in Zeiten des schnellen Dieseltaktes?
Zum Glück gab es Enthusiasten, die oft als „Verrückte“ stigmatisiert wurden, die den einen oder anderen alten Segler vom sicheren Schrott-Tod gerettet haben und mit einem unvorstellbaren Aufwand, Sechzig-, Achtzig- oder über Hundert-Jährige zu neuem Seglerleben erweckt haben. Diese Segler, darunter Originale, die wenig verändert sind, und Repliken, aber auch Neuaufbauten werden im allgemeinen unter dem Begriff „Traditionssegler“ zusammengefasst, auch wenn diese Definition nicht unumstritten ist. Diese Schiffe machen für Millionen Menschen die maritimen Feste zu herausragenden Erlebnissen.
Wie es mit den Alten so ist, hat jedes Schiff sein eigenes Gesicht und ist geprägt von Narben und Macken oder der einen oder anderen Geh-, sprich Segelhilfe. Sie entsprechen oft nicht den neuzeitlichen EU-Vorstellungen von einem Passagierschiff, weil zum Beispiel beim Sprung von der Verschrottungsschippe diese Vorschriften noch nicht da oder aus Zeit- und Geldmangel ihre Realisierung utopisch waren.
Alte Schiffe und neue Vorschriften. Wie gehen wir damit um? „Will man heute ein Traditionsschiff betreiben, mit mehr als zwölf Passagieren an Bord unterwegs sein und Geld für den Erhalt und den Betrieb des Schiffes einfahren“, erläutert Hanse-Sail-Chef Holger Bellgardt, „unterliegt man eigentlich IMO und SOLAS Regeln für die Passagierschifffahrt, kann diese aber auf Grund der technischen Gegebenheiten an Bord teilweise gar nicht erfüllen.“ Der Verbund „European Maritime Heritage“ (EMH) sucht gemeinsam mit vielen Partnern und den Gesetzgebern einen Kompromiss, um die Zukunft der alten Schiffe zu garantieren. Das Ringen um eine Lösung wird auch auf der Internationalen Konferenz zum Thema „Maritime Traditionen in europäischen Gewässern“ eine Rolle spielen, die vom 9. bis 11. Oktober 2008 im Baltic Point in Warnemünde stattfindet.
Mehr als 50 Teilnehmer werden erwartet, darunter Gäste aus nahezu allen Ostseestaaten sowie Norwegen, den Niederlanden oder Großbritannien. Die Redner- und Teilnehmerliste liest sich wie das „Who is who?“ der Verwalter und Bewahrer des maritimen historischen Reichtums des Ostseeraums, von Direktoren von Schifffahrts- und maritimen Museen bis zu Pionieren der europäischen Traditionssegelschifffahrt. Außer durch die EMH wird die Rostocker Konferenz vom Baltic Sail Comitee und vom neuen EU-Projekt „Seaside“ begleitet.
Die vom Sail-Büro organisierte Konferenz ist ein schöner Meilenstein auf dem Weg zur „Ostsee als dem Meer der Traditionssegler“. Dass sie in Rostock stattfindet, hat auch damit zu tun, dass die Hanse Sail die alten Schiffe und ihre Crews lang- und ganzjährig unterstützt, sie jedes Jahr am 2. August-Wochenende mit einem Sommerblumenstrauß ehrt und alles dafür tut, dass die „Alten“ aktiv bleiben und ihre Kraft und Schönheit voll entfalten können. Zum Beispiel mit faszinierenden Rauschefahrten unter vollen Segeln auf der Ostsee vor Warnemünde oder in andere Hafenstädte des „mare balticum“.
Klaus-Dieter Block

