Sail-Kolumne
Was ist das Besondere der Hanse Sail? Seglergeschichte(n) und ein bisschen Philosophie
Es gibt viele Häfen der Welt, wo Großsegler zu besichtigen sind. Insbesondere die legendären P-Liner, die POMMERN in Mariehamn, die PASSAT in Travemünde oder die PEKING in New York sind Besuchermagneten und vermitteln aus Windjammerzeiten das Gefühl: So könnte es gewesen sein!

In Rostock muss man sich nicht mit dem Konjunktiv begnügen, sondern hier gibt es die faszinierende Wirklichkeit. Zum Beispiel: Der letzte noch aktive Flying P-Liner, die ehemalige PADUA (Baujahr 1926), die heute unter russischer Flagge segelnde KRUZENSHTERN, ist in Rostock zu sehen und zu erleben.
Hinter jedem einzelnen der rund 250 Schiffe stecken eine oder mehrere Geschichten, so zum Beispiel hinter der 75-jährigen STETTIN oder selbst über einen der jüngsten Großsegler, die STAD AMSTERDAM (Baujahr 2000), eine Reminiszenz an die besonders schnellen Clipper aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, lässt sich schon jetzt eine Menge erzählen. Zum Beispiel über den Bau des Vollschiffes, der mit Arbeitssuchenden und Schulabgängern realisiert wurde, die dadurch eine neue Perspektive bekamen oder über die Kombination von alter Segeltechnik und moderner Sicherheitsausrüstung.
Jede Sail, so auch die 18. Auflage vom 7. bis 10. August, hat ihre besondere Geschichte. In diesem Jahr wird sie von drei „Schwestern“ geschrieben, wobei die älteste Schwester, die GORCH FOCK I, noch nicht beim Familientreffen dabei sein kann.
Erstmals zur Hanse Sail kommt das rumänische Segelschulschiff MIRCEA. Vor 70 Jahren gebaut, ist die 82 Meter lange Bark baugleich mit der GORCH FOCK I, die nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit als TOWARISCH unter russischer und ukrainischer Flagge segelte und nun in Stralsund auf ihr drittes Seglerleben vorbereitet wird. Am 1. August-Wochenende begehen der Verein Tall-Ship Friends sowie Freunde und Förderer der Bark hier ihren 75. Geburtstag.
Aber das „Nesthäkchen“ der auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebauten Serie kommt nach Rostock – das Segelschulschiff der Deutschen Marine, die GORCH FOCK. Sie wurde vor 50 Jahren in Dienst gestellt und ist – abgesehen von deutlich verbesserten Sicherheitsstandards – baugleich mit der heute noch segelnden US-amerikanischen EAGLE (ex HORST WESSEL, Baujahr 1936) und der portugiesischen SAGRES, ex ALBERT LEO SCHLAGETER, Baujahr 1937). Zur Hanse Sail wird eine Delegation mit Offizieren und Kadetten der MIRCEA und der GORCH FOCK zur Schwester nach Stralsund reisen. Dieses Mal noch per Bus.
Aber man muss sich nicht mit den historischen und aktuellen maritimen Erstaunlichkeiten beschäftigen, um fasziniert zu sein. Neben dem Genießen der maritimen Bilder aus Strand- oder Molen-Perspektive in Warnemünde ist ein Mitsegeltörn das Sail-Erlebnis schlechthin. Zum Beispiel auf der KRUZENSHTERN oder auf der STAD AMSTERDAM. Aber auch auf mehreren Dutzend mittleren und kleineren Traditionsseglern können selbst wenige Tage vor der Sail noch Plätze gebucht werden. Und so bietet sich an Bord einer Galeasse oder eines Schoners die philosophische Möglichkeit, sich darüber zu wundern, welch erstaunliche Kulturtechnik das Segeln doch ist.
Und darüber, dass die Jahrtausende alten Segeltechnologien die maritimen Modernisierungsschübe nicht nur überstanden haben, sondern in Anbetracht der Klimakatastrophe und der explodierenden Spritpreise, vielleicht eine neue Perspektive haben.
Wer nicht so sehr auf Philosophie, sondern mehr auf Materialistisches steht, kann sich damit trösten, dass sein bezahlter Mitsegeltörn ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Traditionssegler, diesem wunderbaren kulturellen Erbe, ist. Auch das ist eine dankenswerte Besonderheit der Hanse Sail Rostock.
Klaus-Dieter Block
Informationen & Buchung
Tall-Ship Buchungszentrale
Tel. (0381) 208 52-61 / -26
E-Mail: tallshipbooking@gmx.de
Bildunterschrift
Benannt nach einem rumänischen Nationalhelden: die MIRCEA
Foto: Ulrich Grün

